Wenn einer in Himmel die Sterne zum leuchten gebracht hat, bedeutet das jemand es braucht.
(Wladimir Mayakovsky)

„Bürger mit Migrationshintergrund“ heißen im politisch korrekten Deutsch Ausländer aller Integrationsstufen. Diese pathetische Sprache vermittelt uns, dass wir in einer Zeit der großen politischen Oper leben. In diesem Umfeld, beziehungsweise in der österreichischen Operetten-Version, ist es Aigerim Beken gelungen, als „Bürgerin mit Migrationshintergrund“ und als Künstlerin Fuß zu fassen. Dass eine Frau ohne Sprachkenntnisse nach Österreich kommt und hier in kürzester Zeit Deutsch lernt, ist nur ein kleiner Hinweis auf ihre Integrationsbereitschaft und Integrationsfähigkeit. Doch wichtiger ist ihr interkultureller Ansatz, den Aigerim in ihren Kunstwerken zum Ausdruck bringt.

Zunächst hat Aigerim mit volkstümlichen Motiven (Kasachen in traditioneller Kleidung) ihre Herkunft selbstbewusst zur Schau gestellt. Später hat sie in einer archaisch-symbolischen Zeichensprache ihre kulturgeschichtlichen Wurzeln aufgearbeitet. Mit dem Zyklus „Die sieben Todsünden“ hat sie sich bei der Parallelaktion 2012 als politische Künstlerin positioniert. Und nun überschreitet sie wieder eine Grenze, die oberflächliche Betrachter als „Rückschritt“ bezeichnen könnten. Denn mit „abstrakter Expressionismus“, der bis in die 1990er Jahre große Teile der Kunstwelt beherrschte, ist ihr neuer Zyklus schnell schubladisiert. Aber diese Schubladisierung wird der Künstlerin nicht gerecht!

Gestisch-expressiv setzt Aigerim die Farben auf rohe Jute, wobei Rot und Schwarz dominieren. Die rohe Jute, der unbearbeitete Grund, wird dabei zum kompositorischen Element, anstatt als Bildträger in den Hintergrund zu treten. Abgesehen von der Energie, die diese Bilder ausstrahlen, vermitteln sie eine politische Botschaft, die international und interkulturell gültig ist: der Grund (Umwelt, Rohstoffe, Grundelemente des Lebens) ist für alle da, darauf können sich Rot und Schwarz ausbreiten, darauf können Rot und Schwarz ihren Platz verteidigen aber auch in Harmonie zusammen finden. Und darauf ist auch Platz für andere Farben. Genau so sollten Staaten auf ihrem Grund allen Farben die Möglichkeit geben, ihren Raum einzunehmen, sich zu behaupten oder sich zu verbinden, sich abzugrenzen oder sich zu vermischen.

Mag. Hubert Thurnhofer, der Kunstraum